Das Projekt der Saison 2009/2010: Die großen Geschichten der Romantik
Die Achse des Projektes Die großen Geschichten der Romantik, das die Staatsoper Prag für die Saison 2009/10 vorbereitet, bilden die Werke dreier Repräsentanten der musikalischen Romantik des 19. Jahrhunderts, deren Sujets in verschiedenen historischen Epochen angesiedelt sind: Richard Wagner (1813–1883), Pjotr Iljitsch Tschaikowsky (1840–1893) und Jules Massenet (1842–1912).
Als erste Premiere der Saison wird die SOP ihrem Publikum eines der meistgespielten Ballette Tschaikowskys, Dornröschen, bieten. Es wird in diesem Gebäude bereits zum sechsten Mal inszeniert, diesmal in einer interessanten dramaturgischen Bearbeitung durch den ungarischen Regisseur und Choreograph Yuri Vámos, der sich mit seinen Adaptierungen von klassischen Balletten einen Namen gemacht hat. Vámos hat die Handlung des alten Märchens auf den Zarenhof am Vorabend der russischen Revolution übertragen. Die Zentralrolle wird Anna Anderson sein, die ihr ganzes Leben in der Vorstellung, sie sei die Zarentochter Anastasia, verbracht hat. In der Produktion mit dem Titel Dornröschen – die letzte Zarentochter vermischen sich im Gedächtnis der Hauptheldin die Realität und ihre Erinnerungen. Das Drama über das glückliche Leben und den tragischen Untergang der Zarenfamilie ist eine Reminiszenz an das klassische russische Ballett, sein Pathos und seine Virtuosität. Die Produktion verspricht allen, die dramatische Handlungen lieben und sich an herausragenden tänzerischen Leistungen erfreuen wollen, ein außergewöhnliches Erlebnis.
Jules Massenet ist vor allem dank seiner bereits zu seinen Lebzeiten populär gewordenen Opern Manon und Werther bekannt, die bis heute im Repertoire geblieben sind. Andere seiner Opern hatten keinen dauerhaften Erfolg, um so verdienstvoller und interessanter sind die Versuche, einige fast vergessene Werke dieses hervorragenden Melodikers auf die Bühne zurück zu bringen. Aus der ganzen Reihe seiner Opern, in deren Zentrum Frauengestalten stehen, fällt sein Spätwerk heraus, die Oper Don Quichotte nach Motiven des bekannten Romans von Miguel Cervantes. Der „Ritter von der traurigen Gestalt“ ist bei Massenet ein „menschlich fühlender, in sich selbst versunkener Träumer mit den Schwächen eines Kindes, mit dem Stolz eines Ritters aus Kastilien und der Gütigkeit eines Heiligen“, wie ihn sein erster Interpret, Fedor Schaljapin, für den die Rolle auch geschrieben worden war, charakterisiert hat. Das weibliche Element ist in der Oper durch die schöne Dulcinea vertreten, für die der unglücklich verliebte Quichotte seine Abenteuer unternimmt und die ihn zum Schluss um Verzeihung bittet, weil ihr Herz allen, und nicht nur einem einzigen Mann, gehören könne. Obwohl das Werk mit dem Datum seines Entstehens dem 20. Jahrhundert angehört (die Uraufführung fand am 19. 2. 1910 in Monte Carlo statt), ist Don Quichotte ein in seinem Stil der Romantik verpflichtetes Beispiel für den lyrischen Konversationsstil und die ausgezeichnete Orchestrierung Massenets. Die zweite Premiere der Staatsoper Prag in der Saison 2009–10 wird die Oper 45 Jahre nach ihrer letzten Prager Produktion bringen.
Die unsterbliche Geschichte vom „Liebestod“ – die Oper Richard Wagners Tristan und Isolde nach dem durch das Epos Gottfrieds von Strassburg inspirierten Libretto des Komponisten – kann dank des Stoffs und seiner literarischen Ausarbeitung als ein Synonym für eine große Geschichte der Romantik bezeichnet werden. Die enormen Ansprüche an die Interpreten waren Ursache dafür, dass das Bemühen, die Oper an der Wiener Hofoper zur Uraufführung zu bringen, nach 70 in den Jahren 1862–64 abgehaltenen Proben gescheitert ist und die Oper als unaufführbar bezeichnet wurde. Ihre Uraufführung fand dank Unterstützung durch Ludwig II. von Bayern jedoch bald danach, im Jahre 1865 in München, statt. Während der Existenz des Neuen deutschen Theaters in Prag (Vorgänger der heutigen Staatsoper Prag) gehörte Wagner zu den hiesigen Repertoirekomponisten und sein Tristan und Isolde zum „Familiensilber“ dieses Hauses. Die Theaterleitung bereicherte mit dieser Oper das Repertoire jedesmal, wenn ein hervorragender Dirigent und ausgezeichnete Sänger zur Verfügung standen. In der Folge der Kriegserfahrungen ist das Schaffen Wagners im Prager Repertoire eine Zeit lang nicht erschienen, und obwohl es zu Ende der 50er Jahren langsam rehabilitiert wurde, ist an Tristan und Isolde das fast traumatisierende Etikett einer außerordentlichen künstlerischen Herausforderung haften geblieben. Die neue Produktion 76 Jahre seit der letzten hiesigen Inszenierung (außer den Gastspielen internationaler Ensembles) wird in Koproduktion der Staatsoper Prag mit dem Teatro Municipal Santiago de Chile erarbeitet.
Von einer „romantischen Welle“ wird auch das „Theaterstück mit 2009 Versen“ Kudykam (Wiewohin?) des Textdichters Michal Horáček und des Komponisten Petr Hapka, beiden führenden Autoren des tschechischen Chansons, getragen. Die Uraufführung findet am 21. Oktober 2009 statt. Die Geschichte des jungen Martin, der – begleitet von einem bizarren Berater und Versucher – auf seiner Reise die drei (christlichen) Haupttugenden Glaube, Liebe und Hoffnung sucht, wird von einem speziell zusammengestellten Team in drei verschiedenen Besetzungen als eine großartige, phantasievolle Show mit einer Reihe von visuellen und technischen Ausdrucksmitteln auf die Bühne gebracht.
Als Bestandteil des Projekts Die großen Geschichten der Romantik an der Staatsoper Prag werden die einzelnen Premieren auch von weiteren Veranstaltungen, vor allem von zwei vom Dokumentationszentrum der SOP zusammengestellten thematischen Ausstellungen, begleitet werden. Die erste, Vom Dornröschen zu Anastasia, wird alle bisherigen Produktionen des Balletts Dornröschen an der Staatsoper Prag in Photographien sowie auch die Arbeiten an der neuesten Produktion in der Regie und Choreographie von Yuri Vámos vorstellen. Die zweite Ausstellung wird die Inszenierungstradition von Tristan und Isolde am Neuen deutschen Theater zeigen, einschließlich der Persönlichkeiten jener Dirigenten und Sänger, die diese Tradition geprägt haben. In die Oper Don Quichotte wird Dr. Vlasta Reittererová mit ihrem Vortrag Das Opernvermächtnis von Jules Massenet vom Standpunkt des 21. Jahrhunderts einführen, es werden auch Musikbeispiele in der Interpretation durch international bekannte Sänger präsentiert. Vor 90 Jahren wurde am damaligen Neuen deutschen Theater die Oper Giuseppe Verdis La traviata erstaufgeführt. Anlässlich dieses Jubiläums wird am 27.&nsbp;Februar 2010 eine Festvorstellung dieser Oper stattfinden. Bei dieser Gelegenheit wird auch als Ergänzung des Projekts der romantischen Opern eine Ausstellung eröffnet. Sie wird 20 Bilder der hervorragenden Darstellerinnen der Violetta Valéry zeigen, die, einschließlich solchen Sängerinnen wie Emma Albani, Luisa Tetrazzini und Nellie Melba, auf dieser Bühne im Laufe der Zeit diese Rolle gesungen haben.
Pavel Petráněk, Tomáš Vrbka
Autoren und Hauptkoordinatoren des Projekts
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