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Zum 100. Geburtstag von Jarmila Novotná, des Ehrenmitgliedes der Staatsoper Prag

Wenn wir an den 100. Geburtstag des ersten Ehrenmitgliedes der Staatsoper Prag, der Kammersängerin Jarmila Novotná (23. 9. 1907 – 9. 2. 1994), erinnern, erinnern wir vor allem an eine international bekannte tschechische Sängerin und Filmschauspielerin, einen Star der Opernhäuser in Berlin und Wien und eine langjährige hervorragende Solistin der Metropolitan Opera in New York. Auf der Operbühne debütierte sie mit 17 Jahren am Nationaltheater Prag als Mařenka in der Verkauften Braut und als Violetta in La traviata. Ihre attraktive Bühnenerscheinung und darstellerische Kunst konnte sie sehr gut im Film zur Geltung bringen, ein Angebot nach Hollywood hat sie jedoch abgelehnt und sich für die Oper entschlossen.

Nach ihrem Studium trat sie zuerst in Italien, und zwar in Verona, Neapel, Florenz und Mailand auf. In der Zeit ihrer Engagements in Berlin und Wien (hier wurde sie 1935 zur österreichischen Kammersängerin ernannt) bezauberte sie das Publikum auch in Paris und Salzburg. Mit absoluter Sicherheit sang sie die Königin der Nacht ebenso wie Pamina, die Figaro-Gräfin wie Cherubino, Olympia, Giulietta und Antonia. Auch in der Operette hatte sie große Erfolge, als Rosalinde und Orlofsky, als Giuditta und Frasquita. Im italienischen Fach dominierten ihre Gilda, Adina, Alice und Cho-Cho-San, im tschechischen Repertoire waren ihre Paraderollen Karolina (Die zwei Witwen) und Rusalka. Ihr unfehlbares Stilgefühl hat es ihr ermöglicht, verschiedene Genres und Gattungen zu singen; sie war auch eine hervorragende Lied-Interpretin. An der Metropolitan Opera, an die sie von Arturo Toscanini eingeführt wurde, hat sie die Rolle der Mařenka auf englisch durchgesetzt und 16 Saisonen hindurch als Eurydice, Donna Elvira, Violetta, Mimi, Manon, Mélisande oder Octavian die große Ära dieses Hauses mitgeprägt. Während des Zweiten Weltkrieges hat sie sich in den USA an vielen zur Hilfe für ihre Heimat organisierten Veranstaltungen beteiligt. Dem kommunistischen Regime in der Tschechoslowakei der Nachkriegszeit waren ihre künstlerischen und menschlichen Qualitäten jedoch gleichgültig. Der Familienbesitz wurde beschlagnahmt und es blieb nur ein Ausweg – die Emigration. Trotzdem hat sie ihre Heimat nie vergessen. Im Jahre 1991 sind in Prag ihre Memoiren (Byla jsem šťastná / Ich war glücklich) und zwei CD-Recitals erschienen, sie sang für die Organisation Hudební mládež (Jeunesse musicale), trat im Divadlo hudby (Theater der Musik) und im Saal der Akademie der Wissenschaften auf, ihre Erinnerungen hat sie im Rundfunk und im Fernsehen erzählt. Die Badestadt Toušeň, wo sie öfter zu Gast war, sowie auch ihr Geburtstadt Prag haben ihr die Ehrenbürgerschaft verliehen, auf der Prager Burg hat sie den T. G. Masaryk-Orden in Empfang genommen. Sie war beliebt, und, wie der Titel ihrer Erinnerungen lautet: Sie war glücklich.

Kurz vor ihrem 85. Geburtstag ist ihre Stimme auch zum ersten (und zum letzten) Mal an der Staatsoper Prag erklungen: am 1. 9. 1992 bei der Eröffnung der Festvorstellung von Rigoletto mit der Arie der Gilda aus einer Grammophonaufnahme, und live als Dank für die Ehrenmitgliedschaft, über die sie sich herzlich gefreut hat. So wurde Jarmila Novotná, eine der hervorragendsten tschechischen Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts, das erste Ehrenmitglied der Staatsoper Prag.

Jan Králík

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